Das göttliche Licht im andern suchen

Das Urteil über den andern
ist wie allvernichtender Hagelschlag:

es zerfetzt
Wurzel, Stamm, Blüte, Frucht.

Wenn ich im Geist die Schale hindurch, die meinen "Feind" umgibt, zu blicken suche, wird so manches, was mich verschroben dünkt an ihm, vielleicht sogar hässlich oder ruchlos, verdorben oder böse, in einem milderen Licht erscheinen.

Wenn ich dann noch einen Schritt weiter gehe, könnte es vielleicht sogar sein, dass ich ein Gutteil dessen, was ich dem anderen soeben noch zum Vorwurf gemacht habe, an mir selber entdecke...

 

Éder und Portugal

Ich dachte immer, dass auch Portugal zu den Nationen zählt, die, falls es zulässig ist, eine ganze Nation mit einer Allegorie zu belegen, ich in die Schublade der „Heißsporne“ legen würde.

Nun hat sich aber gezeigt, dass es mit den Portugiesen doch ein bisschen anders ist.

Das Tor von Éder hat mich nämlich für alles entschädigt, was ich die ganze EM hindurch gelitten habe.

Dabei bin ich ja eigentlich keiner, den Fußball überhaupt jemals interessiert hat.

Meine Frau hat mir gedroht, falls ich weiterhin wie Diogenes im Fass lebe, gibt sie mir die „rote Koartn“, wie schon einmal gedacht und vor allem gesungen in einem Wiener Schlager der volkstümlichen Musik.

Also lege ich Pfötchen vor ihr und leide und leide und leide: mangels fußballerischen Vorwissens bilden sich meine Sympathien nur nach anderen Gesichtspunkten - wie etwa nach der Schönheit der Nationalhymnen oder den Gesichtern der Spieler und insofern hat auch die Wahl des Wortes „Gesichtspunkt“ eine deutliche Berechtigung.

Im Laufe der Wochen merke ich, dass ich doch auch selber mich für diese Welt ereifern kann - und meiner Meinung nach gar nicht einmal schlecht - dafür, dass ich ein Laie des runden Leders bin? ...!

Zuerst muss ich natürlich auf der Seite der Österreicher sein. Dann bin ich der Meinung, dass den Heißspornen des Südens - wer auch immer dazugerechnet werden solle - ein Eisbeutel in die Hose gesteckt werden müsse und zuletzt bin ich mir darüber im Klaren, dass mir anstatt der Franzosen eigentlich die Portugiesen lieber sind.

Aber dass alle Leiden dieser sommerlichen Fußballzeit 2016 wett gemacht werden würden durch ein einziges Glück erst im Finale, ist mir bis auf Weiteres noch nicht klar - denn, zu wem auch immer ich halte - „meine“ Mannschaft ist stets die Verliererin.

Meine Frau sagt zu mir: „Geh zu deinem Computer! - Immer wenn du die Mannschaft favorisierst, die auch ich befeuere, verliert sie!“

Ja, das ist wirklich bejammernswert, denke ich im Stillen. Hätte ich doch zu Diogenes´ Zeiten gelebt! - und nach ein paar Sekunden frage ich sie: „Du meinst, ich darf wirklich...?“

Da meine Frau mich nur allzu gut kennt, sagt sie daraufhin nichts. Aber auch ich kenne sie nur allzu gut. Ich ziehe es vor, doch beim Fernseher zu bleiben. Und das ist auch beim Finale noch so. Es muss durchgehalten werden.

Denn - als ich dafür letztendlich belohnt werde, schlummert meine Frau neben mir auf dem Sofa schon ganz sanft.